Aus dem Leben eines Schwimmers.

Bosphorus Cross Continental Swimming - Schwimmer gehen nicht unter

Offizielle Badekappe Bosporus Swim
Da ist er also, dieser sehnsüchtig erwartete Moment: endlich geht es in den Bosporus, die legendäre Meerenge zwischen Asien und Europa! Das "Bosphorus Cross Continental Swimming 2016" startet und mit mir springen nach und nach rund 2000 Schwimmer in das warme Wasser, um sechseinhalb Kilometer zu schwimmen, dabei von Kontinent zu Kontinent zu wechseln und sich am Ende hoffentlich besser zu fühlen.

Sechseinhalb Kilometer, das hört sich nach einer langen Strecke an, jedenfalls für den "normalen" Schwimmer, der zwei, drei Mal in der Woche seine anderthalb Stunden Training absolviert. Aber hier kommt ja noch die Strömung dazu, die einen fast doppelt so schnell ans Ziel kommen lässt wie in stehenden Gewässern. Also alles nicht so wild, oder? Nun ja, ganz so einfach ist es ja dann doch nicht. Und das fängt schon bei der Vorgeschichte an: neun Tage vor dem Rennen vermeldet die Türkei einen militärischen Putschversuch.
Und auch wenn der schnell abgewehrt wird und in sich selbst zusammenfällt, ist die Türkei danach ein anderes Land - der türkische Präsident Erdogan lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und antwortet nicht nur mit Härte gegen die Putschisten, sondern auch mit einer Säuberungswelle, die etliche Journalisten, Richter, Lehrer und andere ihren Job und manchmal auch ihre Freiheit verlieren lässt. Ein Land im Umbruch, eine Art Gegenputsch des Herrschenden.

Auch das Bosporus-Schwimmen 2016 ist davon betroffen: erst soll es abgesagt werden, dann doch stattfinden. Aber längst nicht alle, die sich angemeldet haben, kommen, sagen ihre Reise, ihre Teilnahme ab, aus Angst vor der Ungewissheit, aus Angst vor den Umbrüchen, aus Angst. Ich aber bin da, zwei Tage vor dem Rennen aus Berlin mit Turkish Airlines (auch hier hat die Säuberungswelle Menschen aus dem Job befördert) angereist. Von der angespannten Lage bekommt man als Außenstehender nicht viel mit, auffällig nur die vielen, vielen türkischen Fahnen, die in allen Größen an unzähligen Gebäuden hängen, auffällig auch die provisorisch als Sperren benutzten LKW vor Militärkasernen, damit dort keine Panzer herausfahren können.
Bosporus einen Tag vor dem Schwimmen

Am Bosporus stehen keine Panzer und auch keine LKW. Einen Tag vor dem Rennen wartet dort die Anmeldung für die Schwimmer und eine Bootstour, auf der uns die Strecke erklärt wird und ein paar taktische Hinweise getauscht werden: mit der Badekappe winken, wenn man gerettet werden will. Brückenpfeiler anpeilen. Langsam angehen. Sportlich-fair bleiben. Der Bosporus ist schmal für eine Meerenge, aber ziemlich groß für einen Schwimmer, bestimmt bis zu 1000 Meter an den breiteren Stellen. Dass die Hinweise erst auf Türkisch, dann auf Russisch und schließlich auf nicht besonders gutem Englisch gegeben werden, macht die Einführung nicht leicht. Aber das gute Wetter und die aufgeregten, gut gelaunten Schwimmer an Bord lassen das alles sowieso ein bisschen untergehen. Wir sind auf dem Bosporus und morgen schwimmen wir hier sogar!

Als dieses "morgen" da ist (nach einer kurzen, nicht sonderlich verschlafenen Nacht), setzt auch eine gewisse Nervosität ein: Warum noch mal wollte ich dort unbedingt durchschwimmen? Was, wenn mir beim Start jemand auf den Kopf springt? Wenn ich einen Krampf bekomme, mich verschwimme, die Wellen so groß sind, dass man nicht richtig atmen kann? Und woher kommt auf einmal diese Müdigkeit? Es ist, natürlich, die Psyche, die einem zusetzt. Schwimmen ist anstrengend, auch in der Strömung. Und der Körper will ja eigentlich keine Anstrengung, also täuscht er einem Erschöpfung schon vor der eigentlichen Tat vor. Egal, nach so langer Vorbereitung (seit vier Monaten weiß ich, dass ich hier starten werde) darf jetzt nicht nachgegeben werden - jeder verbissene Hobbysportler weiß doch, dass die Ente hinten fett wird (oder wie auch immer diese Sprüche lauten).

Also aufgestanden, geduscht, um wach zu werden, ein leichtes Frühstück um 7, mit Toast und Ei und Kaffee, dann zum Startplatz, einem kleinen Park am Bosporus, wo wir nach ordentlicher Beschallung, einem freiwilligen Aufwärmprogramm und ein paar schlauen Worten alle 2000 auf ein Schiff gehen und zum eigentlichen Startplatz sechseinhalb Kilometer bosporusaufwärts gefahren werden.
Ponton, von dem das Bosporus-Schwimmen später gestartet wird
Und da ist er dann also, dieser sehnsüchtig erwartete Moment (s.o.). Sprung hinein - das Wasser ist ziemlich klar und angenehm, warm, aber nicht zu warm. Schon gleich am Anfang empfangen einen ein paar Quallen, harmlose, durchsichtige, die unter einem dahintreiben. Die Menge, die äußerst diszipliniert ins Wasser gesprungen ist, verläuft sich langsam. Oder sagt man da: verschwimmt sich? Ich jedenfalls verschwimme mich nicht, peile wie empfohlen den rechten Pfeiler der großen Bosporusbrücke an, um im idealen Winkeln möglichst schnell in die Mitte des Bosporus zu kommen, denn hier soll sie lauern, die Schwarzmeer-Strömung, die das Zeug dazu hat, einen in Rekordzeit Richtung Marmarameer zu spülen.

Kalt soll sie sein, diese Strömung, jedenfalls kälter als das andere Wasser, aber als ich in der Mitte ankomme, spüre ich sie nicht, drehe aber trotzdem ab und halte mich von jetzt an in der Mitte des Bosporus. So langsam legt sich die Anspannung, der Atem wird ruhiger, die Züge gleichmäßiger, das Feld zieht sich auseinander, immer wieder überhole ich Schwimmer, die eher gemütlich ans Werk gehen. Wie viel Zeit schon vergangen ist? Schwer zu sagen, Uhren dürfen nicht getragen werden, genauso wenig wie Neopren-Anzüge, Flossen oder andere Schwimmhilfen.
Brücke über den Bosporus wie sie der Schwimmer wahrnimmt
Schon geht es unter dieser ersten Bosporusbrücke hindurch (ziemlich dunkel auf einmal, als der Schatten des Bauwerks auf einen fällt), ab jetzt heißt es: den linken Pfeiler der nächsten, ein paar Kilometer entfernten Brücke anzupeilen. Und zwar so lange, bis ich unter den Hochspannungsleitungen, die von Asien nach Europa und von Europa nach Asien hängen, hindurch bin.

Jetzt geht alles ganz schnell: in der Mitte halten, Zug nach Zug nach Zug aneinanderreihen, noch einmal die Strömung erspüren. Tatsächlich, auf einmal wird es wirklich kühl: ich hänge drin! Aber dann wird es auch schon wieder warm - und zu sehen ist das kältere und wärmere Wasser nicht. Aber immer mal wieder wechselt die Temperatur, es scheint in der Tat schneller und langsamer strömendes Wasser zu geben, das einem das Schwimmen erleichtert.
Gelb auf Schwarz, mein Ergebnius auf der Anzeigetafel

Der nächste Orientierungspunkt ist auch schon fast der letzte: das kleine Inselchen Galatasaray, das aussieht wie ein künstliches Badeschiff im Bosporus. Zwei Fahnenmaste stehen hier, sobald man sie erreicht hat, soll man noch einmal die Richtung ändern und das Ziel, den Ausstieg ansteuern, zu erkennen an zwei kleinen Ballons, die über ihm schweben. Hier mache ich den einzigen Fehler meines Rennens/Schwimmens: irgendwie fühlt es sich so an, als käme ich gar nicht aus der Strömung raus, ich verlasse deshalb die Ideallinie und schwimme direkt aufs Ufer zu, statt diagonal rechts zum Ziel.

Ziemlich nah am Ufer dann noch einmal die Richtung geändert - und durch die Gegenströmung zum Ziel gekämpft. Ein paar Minuten kostet mich das auf jeden Fall, aber wer will schon am Ziel vorbeigeschwemmt und vom Besenboot aufgelesen werden? Überhaupt, die letzten Minuten sind die härtesten des Rennens - und hier entscheidet sich auch, wer schnell, wer langsam und wer "geht so" schwimmt. Ich schwimme "geht so" - 1:05:42 wird später auf meiner Urkunde stehen. Als "Certiefied Cross-Continental Swimmer" aber fühle ich mich gut - 18. meiner Altersklasse, da lässt sich noch etwas verbessern. Vielleicht schon nächstes Jahr? Warten wir ab, wie sich die Türkei entwickelt.
Nein, dafür hat es dann doch nicht gereicht beim Bosporus Swim 2016